bis in die 1950er jahre war schuhwichse ein normales wort und wichsen bezeichnete eine übliche art der schuhpflege. in den zwei jahrzehnten danach erlebte aber das wort wichsen eine bedeutungsverengung auf "männliche selbstbefriedigung".
heute meidet man das wort im öffentlichen bereich, wobei jeder weiß, was es bedeutet.

einen umgekehrten weg nahm das wort geil. bis mitte der 80er jahre war es ein tabu-wort für "sexuell aufreizend", das höchstens im pornösen umfeld verwendet wurde. innerhalb von ein, zwei jahre drang es aber wie ein tsunami in die deutsche alltagssprache ein, ein lied namens "geil" schaffte es 1986 sogar in die charts. 5 jahre vorher absolut undenkbar!
heute ist geil ein normales alltagswort für toll, super, beeindruckend. und viele der u40-generationen wissen vielleicht gar nicht mehr, wie unerhört das wort mal war.
warum erzähle ich euch diese geile geschichte?
weil man daran sieht, dass sich sprache und sprachnutzung ändert. niemand spricht mehr wie goethe oder bismarck. das ist wertfrei und einfach lauf der dinge.
die welt ging nicht unter wegen der rechtschreibreform, sie ging auch nicht unter als das zdf in den 60er jahren ihre hauptnachrichtensendung "heute" statt "Heute" nannte.
und die deutsche kultur wird auch weiterhin keinen schaden daran nehmen, wenn man sich neben der langen form ("liebe mitbürger und mitbürgerinnen") auch kurzformen à la "mitbüger:innen" bedient oder gleich nur über mitbürgerinnen schreibt.
sich übers gendern aufzuregen, ist höchst ungeil.
